Donnerstag, 19 Februar 2015 11:42 von 

Zwei Tage Dauerregen. Wir lassen die Gletscher rechts liegen und düsen die Westküste hoch in die kleine Stadt Hokitika. Cool little town nennt sie sich. Und sie verhilft uns zu cool little things.

Dazu aber später. Es gibt nämlich auch noch andere little things, die nicht ganz so cool sind. Sandfliegen. Und wie das so ist vor einem grossen Wetterumschwung: Die kleinen Stechbiester spielen verrückt. Aus leidiger Erfahrung tun sie dies am ausgeprägtesten in waldigem Gebiet in der Nähe eines Gewässers. Natürlich campen wir an diesem Abend am Lake Paringa, einem glitzernden See, umgeben von wunderschönen Bäumen. Socken (in Flip-Flops) haben wir schon seit längerem wieder montiert. Sandfliegen starten ihre Attacken in Bodennähe, und stark bis extrem juckende Stiche in Füssen und Knöcheln sind eine Qual und können zu erheblichen Schlafstörungen führen. An diesem Abend aber ist alles noch etwas extremer. Wir müssen gar die Hosen in die Socken stopfen, weil der Blutdurst der Viecher vampirarmeeähnliche Züge annimmt. Wenigstens sind sie relativ behäbig, und es ist für mich ein Leichtes, die grossen Taten des tapferen Schneiderleins locker in den Schatten zu stellen. 37 auf einen Streich. Oder so. Alleine an der rechten Socke.

Eines vorneweg: Wir haben den Angriff einigermassen unbeschadet überstanden. Zumindest sind wir in so guter Verfassung, dass wir uns den ganzen Regentag ins Atelier von Steven Gwaliasi setzen können, ohne uns alle zwei Minuten so kratzen zu müssen, als hätten wir einen Flohzirkus dabei. Wir haben Glück, dass wir entgegen unserer Gepflogenheiten mehr oder weniger früh im Bonz 'n Stonz auftauchen. Mit sechs Steinbildhauer-Schülern ist das Atelier schon relativ voll. Der Rest wird auf den nächsten Tag vertröstet. Dass zumindest ich an eben diesem nächsten Tag auch wieder an den Schleifmaschinen sitzen werde, weiss ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Schon der erste Schritt ist nicht ganz einfach. Was grünsteinschnitzen wir eigentlich? Wir blättern im Kreativzimmer im oberen Stockwerk mal durch die Vorlagenbücher. Michelle entscheidet sich zügig für den Hei Matau, das Angelhaken-Symbol der Maori, allerdings in abgeänderter Form. Ich bastle mir ein zusammengerolltes Farn. Wir bringen die beiden Vorlage zu Papier, schneiden sie aus und übertragen die Umrisse mit einem wasserfesten Filzstift auf ein Stück Pounamu, den heiligen Stein der neuseeländischen Ureinwohner. Steven, der den Workshop seit zwölf Jahren betreibt, macht die ersten groben Schnitte, wir starten wenig später mit der stundenlangen Feinarbeit.

Pounamu oder Greenstone, der neuseeländische Jade-Stein, kommt nur auf der Südinsel vor. 1997 wurden sämtliche natürlichen Vorkommen vom Staat den Maori zurückgegeben. Nur Stammesmitglieder der Ngai Tahu haben seither das Recht, in den Flussläufen nach Pounamu zu suchen und ihn mitzunehmen. Steven hat zwar in seinem Team einen Blutsbruder der Maori, muss sich aber sein Rohmaterial trotzdem zu einem beachtlichen Teil zusammenkaufen. Pounamu zu finden, ist schwierig. Man sieht dem Stein von aussen nicht an, welchen Schatz er birgt. Weil er immer seltener wird, steigen die Preise. Das wiederum ruft Langfinger auf den Plan, die ihre selbst gefundene Ware auf dem Schwarzmarkt vertickern.

16 Uhr. Michelle ist im Endspurt. Nur noch letzte Detailarbeiten, polieren, ins Ölbad tauchen, fertig. Steven hilft mir derweil, die Spirale mit einem an einer Drehscheibe befestigten Nagel auszufräsen. Nach einem Drittel passierts. Eine bislang unerkannte Bruchstelle am äusseren Bogen macht die ganze Arbeit zunichte. Neustart. Nach weiteren sechs Stunden, um 15 Uhr des zweiten Tages, sind beide Schmuckstücke fertig. Cool little things aus der cool little town.

 

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