Dienstag, 18 November 2014 18:48 von 

Drei Wochen Vietnam: Ein landschaftliches und kulinarisches Highlight. Wenn da nur nicht die Mönche wären.


Letztes Jahr etwa zu dieser Zeit war ich in Beaver Creek. Minus 20 Grad, Schnee, Skirennen. Mein Arbeitgeber muss sparen. So findet der Winter jetzt noch ohne mich statt. Stattdessen sitze ich in Badehosen auf dem Balkon unseres Bungalows. 32 Grad, weisser Sandstrand, himmelblaues Wasser. Wie die Insel heisst? Keine Ahnung. Ich bin ja reise-erprobt, habe mit Pat schon die eine oder andere Gegend gesehen. Er ist immer bestens informiert, ich zufrieden. Dass das Reisen funktioniert, wusste ich also.
Nun also Vietnam. Zum ersten Mal drei Wochen gemeinsam unterwegs - und dann noch mit Frauen. Die weltreisende Michelle natürlich - und Jasmin für zwei Wochen. Dass auch das funktioniert, war ebenso klar.
Apropos funktionieren: Ich habe selten ein Land erlebt, das so perfekt organisiert ist wie Vietnam. Es klappt alles. Wirklich alles. Abgeholt werden mitten im Nirgendwo? Kein Problem. Ein Anruf und der Transport steht. Wir haben in Hanoi, wo unsere Reise startete, Thuy kennengelernt. Obwohl sie wohl nur die Hälfte dessen, was wir ihr sagten, verstanden hat, koordinierte sie unsere Weiterreise sogar per Handy. Und erscheint plötzlich am Busbahnhof, um zu sehen, dass auch wirklich alles klappt.
Überraschung Nummer zwei: das Essen. Dass man in Asien gut essen kann, wusste ich bereits. Doch die Küche in Vietnam hat meine Erwartungen nochmals getoppt. Die Qualität des Fleisches? Unglaublich. Dazu ein kleines Beispiel: Als wir am frühen Morgen im Mekong-Delta einen Markt besuchten, schauten wir einer Frau bei der Zubereitung des Fleisches zu. Feinsäuberlich trennte sie sämtliche Sehnen und Knorpel-Stücke ab. Das Resultat: Ein Filet so zart, wie man es selbst in der Schweiz nur selten findet. Dass auf dem gleichen Markt Frösche gehäutet und geköpft wurden und diese dann noch einen halb Tag weiterleben, soll an dieser Stelle nur kurz erwähnt sein. Wie grossen Wert die Menschen hier auf frische Ware legen, zeigt auch dieses Beispiel: Die Preise für die auf dem Markt angebotenen Waren werden tiefer, je später am Tag es ist. Je frischer, je teurer also.
Teuer ist aber das falsche Wort. Vietnam gehört mit zu den günstigen Ländern Asiens. Und vermutlich auch zu den vielfältigsten. Im Norden, in den Bergen, wo wir eine Nacht bei Mu und ihrer Familie verbrachten, gibt es weitläufige Reisterrassen, grüne Hügel und viel Nebel. Mu, die wir am Busbahnhof kennengelernt haben, lebt mit ihren drei Kindern und ihrem Mann unter einfachsten Verhältnissen in den Bergen. Die Männer der Region sind zuständig für den Haushalt. Sie bleiben zu Hause, betreuen die Kinder und kochen. Dafür dürfen sie sich ihre Frau aussuchen. Obwohl Mu lachend erklärt, dass sie auch nein, nein, nein hätte sagen können. Wir glauben das jetzt einfach. Sehr liebevoll und vertraut wirkte die Familie auf jeden Fall.
Ebenfalls im Norden, unweit von Hanoi, einer Stadt mit engen Gassen, kleinen Strassen-Restaurants und jeder Menge Charme, liegt die Halong Bay. Eine Bucht mit unzähligen Inseln. Abseits der Touristenwege sind wir auf einem kleinen Boot durch das Weltkultur-Erbe - es ist eines der sieben neuen Weltwunder - getuckert. Unser Kapitän lebt mit seiner Familie in einem schwimmenden Haus. Das Festland betreten sie nur sehr selten.
Um den Rahmen nicht zu sprengen, kürze ich hier ein wenig ab. Auf dem Weg in den Süden durchquert man eine ehemalige Kaiserstadt und ein Dorf voller Lampions. Besonders Abends ist es ein Spiel der Farben. Obwohl der Kommunismus eigentlich keine Religion kennt, folgen viele Menschen in Vietnam dem Buddhismus. Das zeigt sich an vielen Pagoden. Und auch an dieser Geschichte: Auf einer kleinen Fahrradtour sind wir in einen Tempel gelangt. Wie sich herausgestellt hat, fand gerade ein Fest statt. Und wir waren natürlich eingeladen. Obwohl gerade erst gegessen, nahmen wir die Einladung doch höflich an. Serviert wurden nur vegetarische Speisen, da man im Buddhismus wiedergeboren wird und nicht plötzlich im nächsten Leben als Tier auf dem Teller landen will. Gesegnet wurde unser Essen vom höchsten Mönch des Tempels: einer Frau. Sie ist Buddha von allen Anwesenden am nächsten und wer ihr Essen isst, der hat im nächsten Leben gute Chancen, selbst auf Buddha zu treffen. So weit, so gut also.
Was wir nicht wussten, dass man alles Essen muss und auch immer wieder neues serviert wird: Segnen, essen, segnen, essen, segnen, essen. Oder schnurstracks ins Nirvana. So kämpften wir uns lange - sehr lange - durch. Kauen, schlucken, kauen, schlucken - auch wenn der Magen längst voll ist und das Essen nicht schmeckt. Kochen können die Mönche auf jeden Fall nicht. Die anwesenden Einheimischen ermuntern uns zum Weitermachen. "Ich habe heute alleine dreimal soviel gegessen, wie ihr nun zu viert", sagt einer von ihnen. Wers glaubt, wird selig. Oder ist das die falsche Religion?
Nach einer gefühlten Ewigkeit und einem zwischenzeitlichen Vorschlag, wir könnten das Essen ja auch mitnehmen (Buddhisten kennen keine Take-Aways), haben wir schliesslich aufgegeben und unsere Reise zu Buddha verlassen. Gut, tragen Pat und ich auch so einen Bauch mit uns rum. So fern können wir den Göttern nicht sein. Schliesslich will fast jeder in Vietnam unsere Bäuche berühren. Kein Scherz, viele tun es. Na dann: Adieu.

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