Montag, 06 Oktober 2014 17:12 von 

Es gibt Hermes, den griechischen Götterboten. Es gibt Hermes, die kultige Schweizer Schreibmaschine. Und es gibt Hermus, den schrulligsten Fahrer auf ganz Flores. Von hati-hati bis program finish, vier Tage lang.

„Das hier ist eurer Fahrer. Wir nennen ihn Musmus.“ Musmus? „Oder Mister Mushroom“, ruft einer aus dem Hinterhalt. Gelächter. Eigentlich heisst der gute Mann Hermus. Sein Alter zu schätzen ist schwierig, wie bei den meisten Indonesiern. Dem Bauch nach zu urteilen muss er aber schon einige Jahrzehnte feste Nahrung zu sich nehmen. Spannender als der Champignon unter dem Streifen-Shirt sind seine Schuhe. Spitz zulaufende, nach oben gebogene Lederschlappen, die er maximal zur Hälfte mit Fuss füllt. Die perfekten Treter, um vier Tage lang die Hügel und Berge auf dem Flores-Highway zwischen Labuan Bajo und Ende hoch und runter zu kurven.

Wir laden unsere Siebensachen in den Kofferraum. Mit an Bord sind auch Hans und Marie. Per Zufall haben wir uns ein paar Tage zuvor getroffen, mit den praktisch identischen Plänen, und uns entschieden, die Fahrt gemeinsam anzutreten. Extrem viel Platz haben wir im Toyota Avanza nicht. Aber wir können ja anhalten, so oft wir wollen, und uns die Beine vertreten. „Picture? Stop“, sagt auch Hermus. Seine Englischkenntnisse beschränken sich auf die für ihn wichtigsten 20 Wörter. Dazu gehören Petromax, arak, Kaffee und diverse Esswaren. Tiefgründige Gespräche oder Infos zu den Sehenswürdigkeiten, die wir unterwegs ansteuern, liegen da nur begrenzt drin.

Immerhin: Hermus kennt jeden Kaffeestrauch und jeden Mangobaum am Weg persönlich. Und jedes Restaurant. Als er uns nach zwei Stunden fragt, ob wir nicht Lust auf einen Kaffee hätten („coffee?“) und wir verneinen, fallen seine Mundwinkel nach unten. Irgendwie schafft er es, uns zu erklären, dass er noch nicht gefrühstückt und deshalb Hunger hat. Einen Teller Chicken mit Gemüse und zwei Reisberge später gehts weiter. Deutlich gemächlicher als zuvor. Hati-hati, slow-slow, langsam-langsam. Bald stellen wir fest: Je schneller Hermus fährt, desto hungriger ist er. Wir überlegen, ob wir kleine Lunchpakete schnüren sollen. Nur für den Fall.

Hermus hats nicht leicht mit uns. Weil wir jeden Tag Sachen machen wollen, die nicht auf dem Programm stehen. Nach meist leisen Protesten („no program“) lässt er uns gewähren, bringt uns zweimal an den Markt in Ruteng, wartet, wenn wir den Ranamese-See umrunden oder von Bena hinunter nach Gurusina laufen. Zum Schluss ist er nicht mal mehr überrascht, dass wir von den drei verschiedenfarbigen Kelimutu-Vulkanseen hinunter ins Dorf wandern wollen. Um 4 Uhr morgens hat er uns hochgefahren, sein Programm danach schildert er uns später so. „No sleep. Wash car. Coffee. No here. Sleep. Coffee. Where? Boss call. Hahaha.“ Übersetzt heisst das: Nein, geschlafen hat er nicht, sondern erst das Auto gewaschen. Erst später hat er sich aufs Ohr gelegt, ist wieder aufgewacht, hat einen Kaffee getrunken, ist wieder eingeschlafen, da wir noch nicht da waren, ist wieder aufgewacht, hat einen Kaffee getrunken (dass er auch zweimal gefrühstückt hat, nehmen wir mal an), hat sich gefragt, wo wir sind, und genau in diesem Moment hat der Boss angerufen. Mit Boss meint er in diesem speziellen Fall mich. Sein richtiger Boss, der, dem das Auto gehört, kommt aus China und heisst Andi. „Man or woman?“ Hermus versteht nicht. Auch nicht, nachdem wir es ihm auf alle möglichen Arten zu erklären versucht haben. Selbst pantomimisch.

„Man or woman?“ gehört wie „volcano active?“ zu unseren Running Gags. Sie kommen aber bei weitem nicht an die Hermus-Top-5 heran:

1. program finish

Kam am ersten Tag noch ganz zum Schluss, als unser Programm wirklich beendet war. Danach nahezu stündlich. Nicht nur von Hermus.

2. today sleep XXX (Ort des Vortages einsetzen), tomorrow Labuan Bajo

Meist in Verbindung mit program finish. Hans hat mit der reduzierten Form (program finish, Labuan Bajo) ein Eis gewonnen. Wir haben nach einem Kaffeestopp gewettet, was Hermus als Erstes sagen wird, bis wir rückwärts wieder auf die Strasse eingebogen sind. Der Witz kam schon, bevor wir überhaupt ins Auto gestiegen sind.

3. hati-hati

Achtung, vorsichtig, langsam. Steht an jeder zweiten Kurve. Wenns nicht stand, hat Hermus uns daran erinnert. Gehört mittlerweile zu unserem Alltagswortschatz.

4. Petromax finish, arak

Soll heissen: Wenn wir kein Benzin mehr haben (Petromax, eigentlich heisst die Marke Pertamax), können wir auch Arak (Schnaps aus Palmsaft) reinfüllen. Der Spruch kam mindestens bei jeder Tankstelle, bei jeder Arak-Brennerei und immer, wenn die Tankanzeige unter die Hälfte fiel. Zum Schluss hatten wir gar eine Flasche Arak im Auto. Die war aber für einen Freund, der bei der Polizei in Ende arbeitet - und nicht für den Notfall.

5. driver no arak, arak no good

Hermus trinkt keinen Arak, solange er fahren muss. Auch kein Bintang (indonesisches Bier). Vorbildlich.

Nach vier amüsanten Tagen haben wir uns von Hermus verabschiedet, tags darauf, am Flughafen von Bali, auch von Hans und Marie. Wir sind nach Lombok weitergeflogen. Und wie wir da spätabends gemütlich am Strand von Senggigi bei einer Pizza sitzen, klingelt plötzlich mein Handy. Hermus teilt mit: „Labuan Bajo. Program no finish. Drink arak!“

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