Montag, 06 Oktober 2014 16:56 von 

In den Bergen von Südsulawesi sterben wahrscheinlich nicht mehr Leute als anderswo. Und doch folgt eine Begräbniszeremonie der anderen. Die Toraja sind ein spezielles Volk. Ihr Leben dreht sich fast nur um die Toten.

Das Schwein quiekt. Es hängt in einem Bambusgerüst, getragen von vier Männern. Ein Geschenk für die Trauernden, wie so viele, die in den nächsten vier Tagen dieser Begräbniszeremonie in Tombang Kalua folgen werden. Geschenke sind gleichzeitig auch Schulden, die irgendwann beglichen werden müssen. Für einen Büffel etwa, die kostbarste Gabe, bezahlt man schnell mehrere Tausend Franken.

Je reicher die Familie, desto prunkvoller ist die Zeremonie, desto grösser ist die Zahl der Opfergaben. Sechs Schweine liegen mittlerweile vor der Tribüne G. Wir sind etwas weiter weg vom Zentrum des Opferfests, von jenem Ort, wo der Tote aufgebahrt wird. Dort steht ein hellbrauner Sarg mit aufwendig geschnitzten Verzierungen, befestigt auf einer Trage, die den traditionellen Häusern mit den Schiffen gleichenden Dächern nachempfunden ist. Der Mann, dessen Namen wir nicht kennen, ist vor einem Jahr gestorben. Die Toten werden kurz nach dem Ableben mit Formalin behandelt, um den Verwesungsprozess zu verzögern. Bis zur Zeremonie bleiben sie im Haus der Familie. Während dieser Zeit sind sie für die Toraja nicht tot, sie sind nur krank. Wie lange es dauert, bis sie auch inoffiziell das Zeitliche gesegnet haben, hängt nicht zuletzt vom Reichtum ab. Je ärmer die Familie, desto länger. Hendrik, unser Guide, weiss von einem Fall, bei dem vom Zeitpunkt des Todes bis zum Fest 17 Jahre vergingen.

Der Sohn des Verstorbenen begrüsst uns, später kommt die Witwe dazu. Unser Geschenk, eine Stange Zigaretten, hat zwar nicht den Wert eines Büffels, beudeutet aber Zusammengehörigkeit und Freundschaft und wird gerne genommen. Zurückgezahlt wird direkt in der Form von Kaffee und Kuchen. Kurz vor Mittag folgen Reis, Schwein vom Grill und Palmwein aus dem Bambusrohr.

Der Höhepunkt des ersten Tages und zugleich Auftakt der Begräbniszeremonie ist das Schlachten eines Büffels mit dem traditionellen Toraja-Schwert, dem Penei. Dem Schnitt durch die Kehle des Tieres können die Augen gar nicht folgen, genau so schnell schiesst das Blut aus der klaffenden Wunde. In der fünftägigen Zeremonie werden etliche Schweine und mindestens 16 Büffel ihr Leben gelassen haben. Die Toraja glauben: Je mehr Tiere geopfert werden, desto einfacher wird für den Toten der Weg nach Puya, ins Paradies. Das Fleisch wird später unter den Gästen aufgeteilt. Die besseren Stücke für die Oberschicht, die minderwertigeren für die Mittel- und Unterschicht.

Die Toraja halten die alten Traditionen so gut wie möglich am Leben. Noch häufig werden die Toten in Felsen- oder Höhlengräbern bestattet, als Erinnerung an die Person wacht am Eingang eine fast lebensgrosses Abbild aus Holz, der Tau-Tau. Viele Felsen in der Umgebung sind deshalb komplett durchlöchert. Was altersbedingt zusammengestürzt ist wie etwa die hängenden Gräber von Tampangallo, wird nicht mehr hergerichtet. Die Schädel und Knochen, die dort aus den morschen Särgen gefallen sind, zieren nun die Wände der Höhle. Davor liegen die Opfergaben, meist Zigaretten und Münzen. Was zu wem gehört, weiss niemand mehr.

Babys wurden früher stehend in lebenden Bäumen bestattet, um sie so der Mutter Natur zurückzugeben. Dieser Brauch wird nicht mehr praktiziert. Auch die Zahl der Felsbestattungen hat etwas abgenommen. Hausgräber auf dem eigenen Grundstück sind im Kommen. Sie sind deutlich billiger als sarggrosse Löcher, die in wochenlanger Handarbeit mit Hammer und Meissel aus dem Felsen gehauen werden.

Wem das noch nicht bizarr genug ist, dem setzen die Toraja noch einen drauf. Ihr Totenkult geht nämlich so weit, dass die noch nicht verwesten Leichen einmal im Jahr während einer zehntägigen Zeremonie aus den Gräbern geholt, frisch frisiert und neu gekleidet werden. Zu diesem Zweck stellen sie die Toten aufrecht hin. Die Geburt der Zombie-Armee haben wir leider um einen einzigen mickrigen Tag verpasst...

Aus der gleichen Kategorie « Polizeieskorte driver no arak »
Logge dich ein um zu kommentieren

Die ersten Schritte

Textarchiv

Jetzt online

Aktuell sind 10 Gäste und keine Mitglieder online

Statistik

Heute10
Gestern29
Diese Woche139
Diesen Monat455
Total77037

Deine IP 54.82.79.137 Unknown - Unknown