Donnerstag, 04 September 2014 18:55 von 

Ihr wundert euch schon lange, was wir eigentlich den ganzen Tag so machen? Wir sagens euch. Der erste Teil der allseits beliebten und sicher nirgendwo abgekupferten Serie „Ein Tag in“ führt uns ins Herz Sri Lankas, zum Löwenfelsen von Sigiriya.

 

08.00 Den Wecker blende ich wie immer souverän aus. Fünf Minuten später nochmals. Zehn Minuten später wieder. Mein Wecker klingelt nicht, er spricht mit mir. Und er hört auf den Namen Michelle.

08.31 Wir schlurfen zum Frühstückstisch. Die Schwester des Chefs bringt Toast, Butter, Konfitüre und ein Omelett. Der Chef selbst bringt noch etwas viel Besseres: Kokosnuss-Roti (ein Fladenbrot) mit Dhal-Curry.

10.43 Wir sind immer noch in und vor unserem Zimmer, auf dem Balkon. Eigentlich wollten wir schon lange auf unsere kleine Velo-Tour. Aber ich muss dringend noch ein paar Sachen recherchieren. Zum Beispiel, ob ich in Flip-Flops den Löwenfelsen besteigen kann. Die Meinungen gehen auseinander. Dann montiere ich halt die Trekkingschuhe.

11.02 Der Chef übergibt uns die Velos, die er für uns organisiert hat. Jenes von Michelle macht einen ordentlichen Eindruck, auch wenn sich die Kette hie und da etwas selbständig macht. Bei meinem – übrigens wie immer Eingänger – schwant mir Böses. Meine Befürchtung bestätigt sich beim Aufsitzen. Rührei. Ich überlege mir, ob ich den Sattel gleich dalassen soll.

11.08 Wir haben kein Veloschloss. Der Chef begleitet uns zum nächsten Mini-Laden. Führen sie nicht. Macht nichts, sagt er. Hier werde nichts geklaut. Können wir nur bestätigen. Die Sri Lanker haben zwar oft lange Fingernägel, aber keine langen Finger.

11.15 Wir legen im Dorfkern von Sigiriya, der aus vier Restaurants und zwei Läden besteht, einen Zwischenhalt ein. Einmal Wasser, einmal Fresh Lime Juice. Zufälligerweise kommt der Vater des Lodge-Chefs mit einem Jeep voller Velos vorbei. Ohne, dass ich die Geschichte mit dem Rührei auch nur angetönt hätte, bietet er mir nach telepathischer Kontaktaufnahme einen Velotausch an. Ich zögere keine Sekunde. Der neue Sattel fühlt sich an wie ein Daunenkissen.

11.48 Wir machen uns auf den Weg. Gleich hinter dem Dorf folgt eine kleine Steigung, die diesen Namen eigentlich nicht mal verdient. Wir kommen mit unserem einen grossen Gang kaum hoch.

11.56 Hinter dem Löwenfelsen biegen wir nach links auf einen Wald-Rumpelweg ab. Durch die erste Kurve begleitet uns ein Knacken und Rauschen im Unterholz. Wir haben einen gut ein Meter langen Bengalenwaran in seiner Mittagsruhe gestört.

11.57 Eine Bodenwelle, ein Knacken und mein Sattel rutscht einen Zacken nach hinten. Später noch einen. Und noch einen. Dann zwei aufs Mal. Die Sattelklemmung ist dahin. Fertig Daunenkissen. Mit ein paar kräftigen Schlägen geleite ich den Sattel wieder in seine Komfortzone.

12.09 Wir sind beim Pidurangala Rock, dem kleinen Nachbarn des Löwenfelsen. Hochsteigen wollen wir nicht, dafür erkunden wir die Ruinen eines alten Waldklosters. Abgesehen von den Affen sind wir alleine. Die hats dafür überall. Später entdecken wir zwei riesige Eichhörnchen. Wir glauben zumindest, dass es Eichhörnchen sind. Also Eichhörner.

12.51 Unsere kleine Runde führt uns erst weiter in den Wald hinein, dann zurück auf die geteerte Strasse.

13.01 Mit ein paar kräftigen Schlägen geleite ich den Sattel wieder in seine Komfortzone.

13.16 Hunger. Wir bestellen uns in einem Restaurant im Dorfzentrum gebratene Nudeln mit Chicken und einen gemischten Salat. Reis und Curry ist sensationell, aber im Schnitt 1,3-mal am Tag reicht.

13.55 Etwas Aussergewöhnliches hindert uns an der Fortsetzung unseres Programms. Es regnet. Wenn man sich so die völlig ausgetrockneten Seen und Flüsse ansieht, ist die Trockenzeit hier wirklich trocken. Die Frösche im Teich vor unserem Tisch freuts. Zwei Strassenköter schnüffeln den Boden nach etwas Verwertbarem ab. Wir warten erst einmal.

14.41 Blauer Himmel, die Sonne scheint, die Frisur sitzt schon seit Monaten nicht mehr. Wir schwingen uns auf unsere Velos. Doch zuvor geleite ich den Sattel mit ein paar kräftigen Schlägen wieder in seine Komfortzone.

14.57 Wir stehen vor dem Ticketschalter, wo man uns 56.004 Franken abknöpft. Das entspricht 260 frischen Kokosnüssen vom Strassenstand.

15.11 Warnschilder weisen darauf hin, dass zu grosser Lärm die Hornissen aggressiv machen könne. Welche Hornissen, sehen wir auf halbem Weg. Dort hängen kindshohe Nester im Felsen.

15.39 Vor dem letzten Aufstieg über eine Metalltreppe lungern selbst ernannte Guides rum, die einem gegen einen kleinen bis grösseren Unkostenbeitrag gerne helfen, die steilen Stufen hochzukommen. Da wir das wissen, lassen wir den beiden Spaniern, die gleichzeitig dort ankommen, souverän den Vortritt. Zusammen steigen wir die Löwentreppe hoch – sie zu viert, wir allein.

15.55 1198, 1199, 1200. Die letzte Stufe, und wir sind auf dem Löwenfelsen, Sri Lankas Wahrzeichen. Die Aussicht ist fantastisch. Wir teilen die Plattform nur mit etwa 20 anderen. Für einen Touristen-Topspot wie diesen paradiesische Zustände. Die Komödianten, die zu festem Schuhwerk raten, müsste man aber mal dringend in die Wüste schicken. Barfuss.

15.56 Völlig durchgeschwitzt hängen wir uns erst einmal an den Wasserflaschentropf, machen gleichzeitig ein Selfie und verschicken die Bilder später via Whatsapp. Wir sind angezogen.

17.15 Wir schnappen uns unsere nicht geklauten Velos und machen uns auf den Rückweg. Überraschenderweise fragt diesmal niemand, ob wir ein Tuk-Tuk brauchen. Ist schon vorgekommen. Beim Vorbeifahren.

17.16 Der Sattel rattert nach hinten weg. Spiegeleier.

17.17 Mit ein paar kräftigen Schlägen...

17.32 Boxenstopp bei der Wäscherei 200 Meter von unserer Lodge entfernt. Wir können unsere Wäsche in einer halben Stunde bringen und am nächsten Morgen wieder abholen. Vorbildlicher Service. In Colombo haben sie uns auch schon eine Woche als schnellstmöglichen Termin angegeben.

18.03 Zu Fuss zurück zur Wäscherei. Der Tuk-Tuk-Fahrer von 50 Meter nebenan wittert ein Geschäft. Er begreift schliesslich, dass ich es wahrscheinlich knapp schaffe, den 3 Kilogramm schweren Sack 150 Meter ohne fremde Hilfe zu transportieren. Auf dem Rückweg wittert er das nächste Geschäft. Zu welchem Hotel ich denn müsse? Sorry, dorthin, 50 Meter.

18.26 Der erste Schuss fällt. Ein Warnschuss. Man will die Elefanten nach Einbruch der Dunkelheit von der Hauptstrasse fernhalten.

18.32 Der Chef bringt uns zwei kalte Flaschen Bier auf den Balkon. Vorbildlicher Service. Aber eigentlich nicht ganz legal, wenn man keine Alkoholausschanklizenz hat. In Ella stand auf der Schlussrechnung deshalb das Codewort „coffee“. In Sigiriya war es „bear“. So werden einem Bären aufgebunden.

18.47 Fledermausbesuch auf dem Balkon. Leider erwischen die Flatterviecher nie alle Blutsauger. Der Mückenspray hat Hochkonjunktur.

19.35 Die Idee, in Trincomalee an der Ostküste auf die Schnelle eine geeignete Unterkunft zu finden, erweist sich als zeitraubendes Unterfangen. Über 60 Prozent aller Zimmer sind bereits weg. Warum? Keine Ahnung.

19.46 Nachtessen. Reis und Curry. Dazu frische Früchte mit Vanillesauce. Was will man mehr.

20.38 Die Trincomalee-Strandhotel-Recherchen driften ins Uferlose ab. Eine Unterkunft hätte ich fast gebucht, bis ich im letzten Moment die neusten Kommentare auf den einschlägigen Bewertungsseiten gelesen habe. Keine Lust auf Bettwanzen.

22.16 Michelle verabschiedet sich. Ich zupfe das hellblaue Moskitonetz zurecht. Sieht ein bisschen aus wie ein Prinzessinnen-Bett.

23.58 Die Suche nach einem Hotel ist beendet. Ich finde keins. Wir schauen dann vor Ort. Ein grosser Brummer leistet mir plötzlich Gesellschaft und fliegt mir um die Ohren. Es ist Zeit, das Licht zu löschen.

Heute habe ich mir fast die Fusssohlen verbrannt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

 

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