Sonntag, 03 August 2014 10:53 von 

Plötzlich fällt die Türe ins Schloss. Wir hören noch, wie sie von aussen verriegelt wird. Danach nur noch die Schreie aus dem Nebenraum. Wir sind eingesperrt. Und es stellt sich unweigerlich die Frage: Wie kommen wir hier je wieder raus?

 

Ruhe bewahren. Das sagt sich so leicht. Wir reissen uns zusammen und schauen uns erst einmal um. Die Tapeten an den Wänden erinnern an längst vergangene Tage. Und sie haben sicher schon bessere Zeiten gesehen. Da und dort sind sie eingerissen und notdürftig wieder zusammengeklebt worden. Überall hängen Bilder mutmasslich grosser Künstler. Ansonsten ist das Zimmer spartanisch eingerichtet. Gleich links neben der Tür steht ein schwarzes, niedriges Ikea-Gestell, verziert mit einem Strauss Plastikblumen und einer leeren, silbernen Früchteschale. Auf der rechten Seite eine alte Truhe mit einem Vorhängeschloss. Das bringt uns irgendwie alles nicht weiter. Mit der Taschenlampe meines Handys leuchten wir in den hinteren, dunkleren Teil des Raumes. Eines der Bilder, das grosse auf der linken Seite, hängt leicht schief. Und gibt so etwas preis, was wir uns unbedingt genauer ansehen müssen. Der Teppichboden dämpft unsere Schritte. Vorsichtig nehmen wir den Monet vom Nagel und stellen ihn zur Seite. Statt aufs Psycho-Muster der Tapete starren wir in ein schwarzes Loch. Eine weitere Türe. Verriegelt mit einem Zahlenschloss. Nur: Woher nehmen wir den Code? Liegt des Rätsels Lösung in der Truhe? Wo steckt der Schlüssel? Die Suche beginnt. Und die Zeit läuft uns davon. Noch 42 Minuten...

Wers bis hierhin noch nicht gemerkt hat: Wir haben uns absichtlich einsperren lassen. „Escape Room“ heisst das Trend-Game, das ursprünglich aus Japan stammt und den Weg über China und die USA bis nach Kuala Lumpur gefunden hat. Bis zu acht Personen können sich gemeinsam an eines der verschiedenen Rätsel wagen. Die zum Teil komplexen Aufgaben lassen sich meist durch logisches Denken lösen. Logisch auch, dass wir gescheitert sind. Wir haben ja schliesslich auch kaum Erfahrung mit Kunstraub. Immerhin: Die Laser-Bewegungsmelder im zweiten Zimmer haben wir noch ohne grössere Probleme überwunden. Für die Türe in den letzten Raum benötigten wir einen Tipp vom Spielleiter. Zeit, um auch noch die letzten beiden Rätsel zu lösen und den Tresor zu öffnen, blieb uns aber keine mehr.

Man hat uns dann trotzdem gehen lassen. Weg von Kuala Lumpur. Weg von den Rauchschwaden indonesischer Waldrodungen, die je nach Wind die ganze Stadt auf der anderen Seite der Meerenge von Malakka in ein gespenstisches Nebelmeer tauchen. Mit dem Bus nach Georgetown auf der Insel Penang. Eines der Highlights unseres bisherigen Malaysia-Trips. Das alte Stadtzentrum aus der englischen Kolonialzeit gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Strassen sind vollgepackt mit Cafés, Tempeln, Restaurants, kleinen Läden und Food-Ständen. In den letzten fünf Jahren hat sich Georgetown auch als Hotspot für Street-Art einen Namen gemacht. Vielerorts verzieren Kunstwerke die grau-schwarzen Wände, einige sogar als 3D-Bilder – mit eingemauertem Velo, Motorrad oder Basketballkorb. Und weil wir ja Experten in Sachen Kunstraub sind, haben wir gar nicht erst versucht, etwas mitgehen zu lassen.

Seit zwei Tagen sind wir nun in den Cameron Highlands, bei endlich deutlich niedrigeren Temperaturen. Wars in Georgetown so im Schnitt 34 Grad mit einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent, verträgts hier schon fast ein Jäckchen. Ausser, wir kämpfen uns wie gestern insgesamt drei Stunden durch den Dschungel zur grössten „Blume“ der Welt. Die Rafflesia, eine Schmarotzerpflanze, benötigt bis zu einem Jahr, bis sie eine ihrer seltenen Blüten entwickelt hat, um diese nach maximal sieben Tagen stinkend verrotten zu lassen. Sie soll gegen Ende des Zyklus riechen wie ein Toter. Unsere ist zum Glück erst zwei Tage alt. Die zweite, die wir sehen, noch jünger.

Vielleicht kommen wir ja in der nächsten Woche in den Genuss einer modernden Blütenleiche. Wir fliegen morgen nach Borneo und erkunden dort mindestens zehn Tage lang die Wälder rund um Kuching und Miri. Mit der Aussicht auf Orang-Utans, Affen, Blutegel und ganz viele Krabbelviecher. Wir freuen uns. Noch.

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