Freitag, 04 Juli 2014 17:59 von 

Die kasachisch-mongolische Schlachplatte. Oder: Wie der Besuch aus der fernen Schweiz das Leben eines Schafs abrupt beendet.

 

Wir sitzen in der Jurte, in der Mongolei „Ger“ genannt, bei Milchtee. Diese Jurte steht ganz im Westen des Landes im Gebiet der kasachischsprachigen Minderheit, im Altai Tavan Bogd-Nationalpark, umgeben von Wald, Seen und Tieren. Ein lauschiges Plätzchen. Und auch die Familie, die uns spontan für die Nacht aufnimmt, ist sehr freundlich. Ich geniesse das Erlebnis zu sehen, wie so eine Familie lebt, wie sie eingerichtet ist und wie sie Riesenmengen von Milch zu Butter und Kaymak (so eine Art Crème fraîche) verarbeitet.

Die Kinder spielen und lutschen unsere Lollis, die wir ihnen mitgebracht haben. Das Familienoberhaupt kommt mit einem Schaf in die Jurte. Ein stattliches, hellbraunes Exemplar mit schön geschwungenen Hörnern. Alle bestaunen das Tier, und das Geschnatter geht los. Wir verstehen natürlich nichts. Unser Guide übersetzt ganz freudig, dass nun zu unseren Ehren dieses Schaf geschlachtet wird, dass das das grösste Zeichen der Gastfreundschaft ist und auch gleich unser Nachtessen. Oje, denke ich, nun ist es also passiert. Wir haben im Vorfeld von dieser Tradition gelesen. Das Schaf wird aus der Jurte geführt, seine letzten Minuten haben geschlagen. Ein Schnitt durch den Hals beendet sein irdisches Dasein. Dann werden sorgfältig das Fell entfernt und das Schaf ausgenommen. Alle Innereien werden an einem Holzwagen aufgehängt und man erklärt uns immer vorneweg, um was es sich handelt: Herz, Niere, Leber. Die Frauen waschen Magen und Gedärme und die Männer kümmern sich um den Rest.

Über uns kreisen die Adler, in der Hoffnung, ein Stück Fleisch zu ergattern. Wir haben aber keinen Abfall. Es herrscht ein umtriebiges und fröhliches Schaffen, alle sind so richtig in Feststimmung. Nur mir ist mulmig zu Mute. Das wollte ich eigentlich alles nie sehen, kann mich aber diesem Sog der Freude und der Erwartungen an mich nicht entziehen. Weiter hinten werden dem Kopf des Schafes die Haare abgebrannt. Und etwas später gibt es die erste Delikatesse. Die Brust vom Schaf, über dem Feuer zubereitet. Nur kleine Stücke für jeden, und sie schmecken sogar gut. Ich darf einfach nicht ans herzige Schöfli denken. Patrik, der schon den ganzen Tag kränkelt, kriegt nun leider richtige Fieberanfälle, und man bettet ihn unter vier dicke Decken. Von diesem Zeitpunkt an muss ich mich selber durchschlagen. Ich kann mich sonst immer auf ihn als guten Esser und Menschen, der alles probiert, verlassen. Und selber in solchen Momenten etwas in den Hintergrund treten. Ich denke, ich werde es schon schaffen. Ich konnte ja schon etwas Schaf essen.

Die Gruppe setzt sich wieder in die Jurte, trinkt Tee und Vodka-Shots und spricht über Brücken, Abfallprobleme, die Fussball-WM, Wege durch die Wildnis und vieles andere. Die Frauen haben Feuer gemacht und kochen in der Mitte des Zeltes alle Teile des Schafes in einer Suppe. Zwischendurch gehe ich mal raus und schaue zu, wie die Yaks gemolken werden. Ich komme zurück, es ist mittlerweile richtig heiss in der Jurte und „schöfelet“ stark. Patrik liegt umgeben von diesem Duft in seinen Fieberträumen. Es wird eine Platte gereicht, dunkelbraune und weisse Stücke, soweit ich das im schummrigen Licht erkennen kann. Wir sitzen alle am Boden um einen tiefen Tisch herum und greifen zu. Leber und Fett, erklärt man mir. Man nimmt beides zusammen in den Mund, und es handelt sich um die zweite Delikatesse vor dem Hauptgang. Je ein Stück schaffe ich, es ist gar nicht mein Ding.

Mittlerweile ist es kurz nach 23 Uhr, der Hauptgang wird drapiert. Auf einer silbernen Platte in der Mitte der Kopf des Schafes, rundherum Herz, Nieren, Darm, Fett, aber auch Teile mit normalem Fleisch und sogar etwas Karotten und Kartoffeln. Die Messer werden hervorgeholt und zwei Männer schneiden die Teile in kleinere Stücke. Ich muss mir einfach unbedingt merken, welches die normalen Fleischstücke sind, denke ich immer wieder. Kurz, bevor es los geht, hebt der Familienälteste den Kopf des Schafes hoch, trennt die Ohren ab und reicht eines mir und eines seiner Schwiegertochter. Der Schweiss tritt mir auf die Stirn. Schon nur mit dem Ohr in meiner Hand wird mir leicht übel. Das geht nun wirklich nicht. Ich reiche es weiter und sehe die Bestürzung im Gesicht des Gastgebers. Diese Menschen, die in diesem Moment so stolz sind auf ihre Tradition und auf das, was sie den Gästen servieren können, so zu enttäuschen ist schwer, aber es geht nicht anders. Das Fleisch auf der Platte wird durcheinander gemischt, ich habe den Überblick verloren und greife zwei dreimal ein Stück, das nach etwas für mich Essbarem ausschaut. Die Hände triefen vor Fett, alle lecken sich die Finger und geniessen das Festmahl. Dann wird die Suppe gereicht. Ich denke nur ans Hirn, das mitgekocht wurde. Danach noch eine Riesenportion Joghurt für jeden, frisch an diesem Tag zubereitet.

Habe ich es geschafft? Ich denke, ja. Ich gehe noch nach draussen, bestaune den Sternenhimmel und mache meine Abendtoilette im Freien. Mein „Bisi“ stinkt wie ein Schaf, mein Gott. Zurück in der Jurte sind alle schon in ihren Betten. Die Gäste (ausser Patrik) schlafen am Boden. Ich verkrieche mich in meinen Schlafsack, die Grossmutter deckt mich noch mit einer warmen Decke zu, denn es ist wirklich kalt in der Nacht. Es ist kuschelig und ich bin erschöpft und froh, alles durch zu haben. Aber auch glücklich, so etwas erlebt haben zu dürfen.

Kurz vor acht stehen wir auf, die Nachtlager werden weggeräumt und es geht ans Frühstück. Der Rest des Abendessens steht wieder auf dem Tisch, ich kriege aber gar nichts runter. Ein Stück frittiertes Brot und Milchtee, das reicht. Patrik gehört auch wieder zu den einigermassen Lebendigen, ihm wird eine Hausmedizin verabreicht, die streng nach Schaf riecht und bitter schmeckt. Wir verabschieden uns von der Familie, um fischen zu gehen und auf dem Weg an den See noch eine Jurte zu besuchen, die vergorene Stutenmilch anbietet. Aber das kenne ich ja, kein Problem.

Fliegenfischen, im Fluss stehend mit dem Fischeranzug. Ich versuche es auch, es macht Spass und ich fange sogar einen Fisch. Wir nehmen die Rückfahrt nach Ulgii in Angriff. Etwa 6 Stunden mit dem Offroader durch die wunderschöne Landschaft zurück in die Zivilisation. Strassen gibt es nicht, und Flussüberquerungen (ohne Brücken), Schlaglöcher, im Schlamm stecken bleiben und platte Pneus gehören zur Fahrt. Ein richtiges Abenteuer. Etwa um 15 Uhr halten wir und frittieren uns unseren Fisch. Gegen 20 Uhr sind wir zu Hause, wir schlafen nach vier Nächten draussen in der Wildnis wieder einmal in einem Haus. Wir freuen uns. Zum Nachtessen gibts eine leckere Suppe. Natürlich mit Schaf. Ich kann es nicht mehr riechen und hoffe, in Ulan-Bator mal wieder was ohne Fleisch zu essen.

Zum Beispiel, wie gestern Abend, japanische Nudelsuppe. Morgen gehen wir für vier Tage in die Wüste Gobi, und dann muss ich dieses Programm wohl nochmals mitmachen. Was aber, wenn die dort Kamele essen?

 

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