Mittwoch, 18 Juni 2014 03:32 von 

Die meisten unserer Reiseziele in Usbekistan unterscheiden sich kaum von jenen anderer Touristen. Wohl alle waren dort, wo wir auch waren: Khiva, Bukhara, Samarkand und Tashkent. Mit zwei Ausnahmen: Termez ganz im Süden an der Grenze zu Afghanistan und Nukus im Norden.

 

Unser Guide in Turkmenistan hat noch gefragt: „Was wollt ihr in Nukus? Dort gibts ausser dem Savitzky-Museum nichts.“ Tatsächlich erwartet uns ein unübersichtliches Dorf ohne Attraktionen. Aber wenigstens eines, das lebt: Menschen, kleine Läden, Tiere, Autos, Restaurants. Alles wieder vorhanden. Eine Wohltat. Savitzky hat während Sowjetzeiten unbehelligt verbotene Kunst aus ganz Russland gesammelt. Vor allem Bilder. Eine Riesensammlung, von der das Museum, das wir am ersten Tag besuchen, nur einen Bruchteil zeigen kann.

Gekommen sind wir aber wegen des Aralsees - oder dem, was davon noch übrig ist. Am nächsten Tag erwartet uns vor dem Hotel ein Taxi, das uns nach Muynak bringt. Früher war dort die Küste des Aralsees. Und heute? Wir werden sehen. Seit 1960 trocknet der Aralsee aus. In den angrenzenden Ländern hat man zu Zeiten der Sowjetunion entschieden, Baumwolle anzupflanzen und die Agrarflächen generell massiv auszubauen. Dazu brauchts bekanntlich viel Wasser. Hinzu kommt, dass wir uns in einem trockenen und heissen Gebiet befinden. Und so hat man die beiden Zuflüsse des Sees an unzähligen Orten angezapft. Längst schafft es keiner der doch beachtlichen Ströme mehr bis zum Aralsee. Und noch heute ist ein Grossteil der Kanäle, durch die das Flusswasser auf die Felder umgeleitet wird, nicht dicht. Der Aralsee umfasste einst 68000 Quadratkilometer und war der viertgrösste Binnensee der Welt. Inzwischen ist er um 90 Prozent geschrumpft. Was übrig bleibt, ist die Wüste Aralkum.

Wir erreichen Muynak nach einer Fahrt von gut drei Stunden. Auf dem Ortsschild sind noch immer Wasser, Fische und badende Menschen zu sehen. Zuerst gehen wir ins Museum. Wir sind die einzigen Gäste. Wir sehen vor allem Bilder von früher und Fischerutensilien, erhalten Infos zur einst florierenden Fischkonservenfabrik. Der Film, den man uns zeigt, spart, oh Wunder, nicht mit Kritik. Zum einen ist es die Anerkennung der Katastrophe, die den Aralsee beinahe ausradiert hat. Zum anderen will man uns aber auch mitteilen, dass die Regierung die Menschen in der Region unterstützt, kleine neue Wasserreservoirs entstanden sind und sich Vögel und weitere Tierarten wieder ansiedeln. Davon merken wir aber fast nichts.

Wir wollen die Fischfabrik sehen, in der bis in die 1980er Jahre Fischkonserven produziert wurden. Es war der Hauptarbeitgeber für die Menschen hier in Muynak. Unser Taxifahrer bringt uns hin. Er scheint auch das erste Mal hier zu sein und kommt mit aufs Gelände. Viele Fenster sind verbarrikadiert, aber dort, wo man einen Blick in die Gebäude erhaschen kann, sieht es aus, als hätte man von einem Tag auf den anderen alles verlassen. Beschriebene Hefte, Büchsen, Etiketten, alte Poster, Maschinen, Schränke. Alles rottet vor sich hin. Im Nachhinein erfahren wir, dass der Besuch des Geländes offenbar strengstens verboten wäre – fotografieren erst recht (im Fotoalbum hats eine kleine Auswahl). Andere Taxifahrer, so haben wir von Touristen gehört, wagen es nicht einmal, vor dem Eingang zu halten.

Die dritte Station ist die ehemalige Küste. Wir steigen aus dem Auto und werden fast weggeblasen. Es windet in der Region generell stark, aber dort bläst es einem so richtig den Sand um die Ohren. Ein beklemmendes Gefühl, wenn man dazu die verrosteten Schiffe an der „Küste“ sieht und über das ehemalige Hafengeländer in die Weite der Wüste blickt.

Dieser Wind führt feine Sandkörner, Giftstoffe und Salzkristalle mit und verteilt sie in der ganzen Region. Viele Menschen sind krank, der Boden ist stark belastet. Es ist wirklich eine trostlose Gegend. Die Arbeit fehlt ja auch, seit die Fischerei nicht mehr möglich ist. Die jetzige Küste liegt über 80 Kilometer von Muynak weg und das Wasser ist stark salzhaltig und mit Düngemitteln und Chemikalien verseucht.

Wir sprechen noch oft über diese Katastrophe, unsere Eindrücke und das Geld aus der wasserintensiven Baumwollproduktion, das die Regierung einfach im gleichen Stil weiter machen lässt. Kasachstan hat die Problematik erkannt und es geschafft, durch verschiedene Massnahmen einen Teil des Sees zu retten. Und dieser Teil erholt sich sogar. Man kann auch wieder fischen.

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