Montag, 09 Juni 2014 12:13 von 

Medizinische Wunder, partielle Sonnenfinsternisse und andere Schauermärchen - 12 Tage Turkmenistan in einer kurzen Übersicht.

 

Ashgabat. Die Hauptstadt. Spielwiese des Ex-Herrschers Saparmyrat Nyyazow Turkmenbashi The Eternally Great (Turkmenenführer der Ewiggrosse). Als Stadtplaner wurde offensichtlich ein grössenwahnsinniger Comic-Zeichner engagiert. Man verbot ihm allerdings, Farben zu benutzen, weshalb Ashgabat heute als die weisseste Stadt der Welt gilt. Nur in der Nacht blinkt sie bunt wie Disneyland.

Berdimuhamedow, Gurbanguly. Turkmenbashis Leib- und Zahnarzt, der jetzige Präsident. Lässt schon mal die Strassen sperren, wenn er vom Flughafen zu seinem Palast muss. Also eigentlich die ganze Innenstadt. Für Autos, Velos, Busse und Fussgänger. Und das über eine Stunde lang. Wir vermuten allerdings, dass er mit seinem imaginären Pferd einfach mal ungestört durch die Stadt reiten wollte (siehe auch Photoshop).

Cousins. Die Nochurli (die Leute aus Nochur) sind ein liebenswertes Volk. Aber auch ein extrem konservatives. So ist es in Nochur bis heute nicht gestattet, jemanden von einem anderen Stamm zu heiraten. Hochzeiten zwischen Cousins und Cousinen sind Alltag. Ahnenforschung leicht gemacht.

Darvaza. Ein brennendes Loch in der Wüste. Die Haupt-Touristenattraktion. Der Legende nach zapften die Sowjets dort Gas – so lange, bis die ganze Installation in sich zusammenbrach. Die Quelle versiegte aber nie. Als ein Hirte nun mit seiner Schafkarawane an eben diesem Loch vorbeikam, raffte das in grossen Mengen austretende Propangas ein Tier nach dem anderen dahin. Dem Hirten wurde das natürlich zu bunt, und er entschloss sich kurzerhand, den Krater in Brand zu setzen. Seither brennts. Mystisch. Der aktuelle Präsident hat jüngst die Absicht geäussert, der Haupt-Touristenattraktion den Stecker zu ziehen und das Gas für sich zu behalten. Nebenan wird bereits gebohrt. Clever.

Exkursionen. Standen mehrere auf dem Programm. Meist in Städte, die ihre Blütezeit vor Hunderten von Jahren hatten und von Dschingis Khan oder Tamerlan ein- oder mehrfach zerstört wurden. Einiges wurde restauriert, oft stehen aber einfach nur noch die Grundmauern.

Frauen. Zwischenstand der ersten inoffiziellen Far-Away-Misswahlen nach zwei Monaten: 1. Turkmenistan. 2. Aserbaidschan. 3. Türkei. 4. Georgien. Bei den Männern liegt Aserbaidschan noch immer in Front. Sagt Michelle.

Güneş Kafe. Der Hotspot von Ashgabat. Besser bekannt als Zip-Kafe. Eigentlich der einzige Ort, an dem man draussen im Grünen anständig essen und ein Bierchen trinken kann. Am Wochenende tanzt hier sogar der Bär. Zu ohrwurmverdächtigem russischem Dance-Schlager.

Hitze. Liess sich schlechter regulieren als bei unserem Gasgrill. 40 Grad im Schatten, gefühlt von morgens um 9 bis abends um 7. Nach 30 Minuten an der Sonne ist das Fleisch gar.

Infrastruktur. Am Beispiel Ashgabat. Angenommen, man nächtigt in einem der vielen Hotels im Süden der Stadt. Und hat Hunger. Oder Durst. Oder beides. Dann geht man nicht einfach kurz raus, läuft ein paar Meter, kauft sich eine Flasche Wasser oder setzt sich in ein gemütliches Restaurant. Gibts nicht. Nur Hotels, riesige Wohnquartiere, Ministerien, Parkanlangen. Nicht einmal ein klitzekleiner Lebensmittelladen oder ein Strassenstand. Nichts. Nächstgelegene Anlaufstelle: das türkische Yimpaş-Shoppingcenter. Der Weg dorthin dauert alles in allem rund zehn Minuten – mit dem Taxi.

Jungbrunnen. Steht sinnbildlich für sinnlose Gesetze in Turkmenistan, die wir zum Glück nicht alle kennen. Im konkreten Fall gehts ums Rauchverbot auf offener Strasse (drinnen darf man). Und das kam so. Turkmenbashi The Eternally Great vernichtete mal zwei Päckchen am Tag. Bis er einen Herzkasper erlitt. Behandeln liess er sich in Deutschland, von einem „berühmten“ deutschen Arzt. Als er wieder nach Turkmenistan zurückkehrte, war er nicht nur wieder bei guter Gesundheit, auch seine Haarpracht, zuvor noch in altersgerechtem Grau-Weiss, glänzte plötzlich wieder in einem satten Schwarz. „Seht her, was alles möglich ist, wenn man mit dem Rauchen aufhört“, rief Turkmenbashi. Und führte das Rauchverbot ein.

Knast. Kennt der eine oder andere Tourist, der den Präsidentenpalast fotografiert hat, von innen. Ist nämlich strengstens verboten. Wie es auch strengstens verboten ist, all die anderen bewachten Gebäude (und davon gibts viele) abzulichten. Und wenns zur Abwechlslung mal erlaubt ist, kostets sicher. Zum Beispiel im Teppichmuseum: Vier Dollar pro Bild. Wenn also jemand schauen will, wies im Teppichmuseum aussieht: bitte googeln.

Lotterie. Es war eines unserer beliebtesten Ratespiele in Ashgabat und Mary, also in jenen beiden Städten, die wir auf eigene Faust erkunden durften: Wie hoch könnte heute die Rechnung fürs Abendessen sein? Die Preise auf der Karte plus 5, 10, 15 oder 20 Prozent? Plus Touristensteuer? Plus Gebühren für Barzahlung? Plus Kurtaxe? Wir habens nie geschafft. Wahrscheinlich haben die Turkmenen ein neues Rechensystem erfunden (siehe auch Ruhnama).

Moscheen. Etwas ausserhalb von Ashgabat steht die grösste Moschee von Zentralasien. 7000 Gläubige haben darin Platz. Die Auslastung ist jedoch höchst miserabel. Selbst an hohen islamischen Feiertagen kommen maximal zwei-, dreihundert Leute. Als wir da waren, zählten wir rund acht Nasen. Vielleicht liegts daran, dass sie der Ewiggrosse gleich neben seinem Mausoleum erbauen und sie innen statt mit Koranversen mit Passagen aus der Ruhnama (siehe dort) verzieren liess.

November. Hiess unter Turkmenbashi Sultan Sandschar. Der Kreativkopf benannte sämtliche Monate (den Januar nach sich selbst) und auch die Wochentage um. Gute Idee. Wie wärs mit Freitagabend, Samstag, Sonntag, St. Patrik's Day, Freitagabend, Samstag, Sonntag?

Photoshop. Eines der wichtigsten Instrumente des Präsidenten, um sich in Szene zu setzen. Zum Beispiel lächelnd in traditioneller Tracht vor einer traditionellen Jurte, hinter sich ein traditionelles Pferd, vor sich eine traditionelle Feuerstelle. Kann sein, dass man ab einer gewissen Distanz nicht mehr merkt, was da alles zu einem Bild zusammengebastelt wurde. Man muss aber schon ganz, ganz weit weg stehen. Gilt auch für andere Werke, die wir im Regionalmuseum von Mary bewundert haben. Steht der Präsident inmitten einer Gruppe von Schülern und lächelt. Die Gesichter der Kinder werden zur Hälfte von der Sonne erhellt. Nur sein Gesicht liegt komplett im Schatten. Könnte man natürlich mit einer partiellen Sonnenfinsternis erklären.

Quadrate. Zwei, um genau zu sein. Ergeben zusammen (eines um 45 Grad gedreht) jenen achteckigen Stern, der an jedem Gitter, auf dem jedem Formular und auch sonst überall zu sehen ist. Einen historischen Hintergrund hat er nicht. Turkmenbashi hat ihn erfunden und zum nationalen Symbol erkoren.

Ruhnama. Der Bestseller von Turkmenbashi The Eternally Great. Seines Erachtens mindestens so wichtig wie der Koran. Mit allen Eckdaten der Weltgeschichte. Zum Beispiel, wo die Menschheit ihren Ursprung hat (in Turkmenistan). Wer das lateinische Alphabet erfunden hat (die Turkmenen). Leider kein Witz.

Steueramt. Es gibt ja viele Ämter, nicht aber dieses. Steuern kennen sie in Turkmenistan nicht. Wasser und Gas sind gratis, Elektrizität bis zu einem bestimmten Punkt auch. Die Benzinpreise werden vom Staat so tief gehalten wie möglich und sind überall die gleichen: maximal 20 Rappen pro Liter. Der öV wird subventioniert (pro Fahrt in Ashgabat 6 Rappen), ebenso das Gesundheitswesen.

Taxi. Turkmenistan ist wohl weltweit das Land mit der höchsten Taxidichte und gleichzeitig den wenigsten Taxis. Macht nur dann Sinn, wenn man weiss, dass jeder Verkehrsteilnehmer inoffiziell ein Taxi ist. Also an den Strassenrand stehen, Handzeichen geben, Ziel nennen, Preis ausmachen und weg.

Unfälle. Werden unter den Teppich gekehrt. Auf dem Staatssender sieht man den ganzen Tag vor allem ein Gesicht – das des Präsidenten. Wie er mit dem US-Botschafter ein Kaffeekränzchen hält. Wie er eine Feier besucht. Wie er mit steinerner Miene seinen Ministern zuhört. Kein Platz für Sex & Crime. Nicht einmal für Unfälle. „Haben wir nicht“, sagt uns ein Turkmene. „Wir haben keine Probleme.“ Wir hätten den Gegenbeweis. Kehren ihn aber fein säuberlich unter den Teppich.

Volière. Es gibt Hotels, wie unseres in Ashgabat, die haben dann doch ein kleines Problem. Ein ornithologisches. In der Lobby haben sich ein paar Schwalben eingenistet, die schlau genug waren, die automatische Türe selbst zu betätigen. Die ist mittlerweile geschlossen. Wie das Personal die rund zehn Schwalbenpaare inklusive Nachwuchs wieder raus bugsieren will, entzieht sich unserer Kenntnis. Ganz unschuldig an der Misere sind wir nicht, denn für eine Schwalbe sind wir mitverantwortlich. Die flatterte eines Abends frisch fröhlich durch die offene Balkontür in unser Zimmer und verkackte aus lauter Angst das ganze Bad. Weil es schwierig ist, einen beratungsresistenten Vogel um drei Ecken herum wieder auf den Balkon zu lotsen, entliessen wir sie durch die Zimmertüre Richtung Rezeption. Das nennt man dann wohl Lobbyismus.

Waschen. Muss man sein Auto immer, bevor man in die Stadt fährt. Dreckige Autos werden gebüsst. Also die Fahrer. Umgekehrt nicht.

XXL. Alles. Alles viel zu gross (siehe auch Moschee). Die Paläste fürs Kabinett (ohne die ganzen Bauwerke des Präsidenten) brauchen soviel Platz wie halb Aarau. Jedes einskommafünfte Gebäude ist ein überdimensioniertes Ministerium für irgendwas. Die Hauptstrassen sind sechsspurig – zwei würden meist reichen. Und mittendrin entsteht gerade eine riesige Sportstätte an der anderen. Das Athletendorf alleine zählt 12000 Betten. 2017 ist Ashgabat Gastgeber der asiatischen Indoor- und Martial-Arts-Games. Dazu gehören unter anderem Videospiele und Bowling...

Yok. Heisst auf turkmenisch „Nein“. Braucht man beim Ausfüllen der Zolldeklaration. Drogen? Nein. Kalaschnikow? Nein. Raketen? Nein. Hirn einschalten? Nein (siehe auch Zoll).

Zoll. Arbeitet neuerdings sehr gründlich, insbesondere jener in Turkmenbashi. Wir hatten insofern Glück, als dass wir nur unser Geld bis auf den Dollar genau zählen, die Summe ins Formular eintragen mussten (in Zahlen und Worten) und später bei jedem Medikament erklären mussten, für es genau gut sein soll. Andere verbrachten fast die halbe Nacht am Zoll. Weil Staatsbeamte das Land nie verlassen dürfen, der Internetzugang zudem stark beschränkt ist und sie sowieso lieber nicht selber denken, leben sie etwas an der Realität vorbei. Einer der Zöllner musterte unsere kleine Canon, als habe er zum ersten Mal in seinem Leben eine Kamera gesehen. Zwei Verkehrspolizisten, bei denen wir uns unabhängig voneinander nach dem Weg zum neuen Teppichmuseum erkundigten, wussten nicht einmal, dass so etwas existiert. Es steht zwei Parallelstrassen weiter südlich.

Dieser Text erhebt weder den Anspruch, vollständig, noch bis ins Detail korrekt oder frei von Ironie zu sein. Und es soll auch nicht der Verdacht aufkommen, uns hätte es in Turkmenistan nicht gefallen. Die zwölf Tage waren entweder grandios (unterwegs mit unseren Guides von Stantours) oder zumindest interessant (alleine in Ashgabat).

PS: Das O ging nicht vergessen. Es fehlt einfach.

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