Sonntag, 11 Mai 2014 03:44 von 

Ups. Auch der 36. Griff in die Hosentasche bringt nicht das hervor, was er sollte. Zigaretten – ja. Feuerzeug – ja. Portemonnaie – ja. Abfall – ja. Handy – weg.

 

Nur: Wo ist es? Wir stellen den Bus, mit dem wir gerade in Şeki angekommen sind, auf den Kopf. Nichts. Das Problem: Es ist das vierte verschiedene Transportmittel an diesem Tag. Nach der Taxifahrt von Tiflis an die aserbaidschanische Grenze wars noch da. Im Taxi von der Grenze nach Balakən habe ich das Vibrieren des Swisscom-SMS mit den Roamingpreisen in Erinnerung. Aber danach? Liegt es im Taxi? Oder im Bus von Balakən nach Zaqatala? Oder ganz woanders?

Nach reiflicher Überlegung komme ich zum Schluss: Es muss das Taxi sein. Nur: Seither waren wir fast drei Stunden unterwegs. Zurück an die Grenze und den Taxifahrer suchen? Wir rufen mal aufs Handy an. Keine Antwort. Auch beim zweiten und dritten Mal nicht. Der Portier unseres Hotels will uns helfen, kann aber irgendwie nicht. Er schickt uns ins Touristenbüro. Dort schüttelt man vor allem den Kopf. „Wisst ihr denn die Nummer des Taxifahrers?“ - „Nö, wieso sollten wir.“ - „Wenigstens seine Autonummer?“ - „Autonummer?“ - „Ja dann, dann habt ihr wirklich nur eine Chance - zurück an die Grenze. Ansonsten: Forget it.“ Wir überlegen (muss man ja mal zwischendurch). „Kennt ihr denn keinen Taxifahrer an der Grenze?“ Nein, kennen sie nicht. Der Chef, der sogar Deutsch spricht, erinnert sich aber dann nach einer Weile, dass er ja einen Grenzwächter kennt. Und der kennt mit Sicherheit sämtliche Taxifahrer. Er telefoniert. „Ja, er wird sich morgen drum kümmern. Heute hat er leider frei.“

Mit wem er genau gesprochen hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Auf jeden Fall hat der mutmassliche Grenzwächter am nächsten Tag – trotz einer aufgeregten Menschentraube vor dem Tourismusbüro, die Geschichte hat sich schnell rumgesprochen - nichts von sich hören lassen. Auch sämtliche Anrufe auf mein Handy bleiben unbeantwortet. Und die Swisscom will das Telefon nur auf polizeiliche Anordnung hin orten. Bis dieser Bagatellfall von der aserbaidschanischen via die Schweizer Polizei auf dem Tisch eines Swisscom-Knöpflidrückers landet, vergehen, vorsichtig gerechnet, zwei Monate. Der Akku hält aber wohl nur noch bis am Abend. Die Chancen auf ein Wiedersehen sinken auf unter 5 Prozent.

Sie steigen während des Abendessens unerwartet wieder auf 50. Meine Mutter lässt uns wissen, unter meiner Nummer habe sich eine Frau gemeldet. Wir rufen zum 42. Mal an. Tatsächlich. Mein Russisch reicht so weit, dass ich mitbekomme, dass ich mein Handy im Bus nach Zaqatala verloren habe. Mithilfe des Kassenchefs des Restaurants, der zwar auch nur Aserbaidschanisch und Russisch spricht, mir aber danach die wichtigsten Sachen aufschreiben kann, machen wir einen Übergabeort und -termin aus. 10. Mai, 12 Uhr, beim Kassenhäuschen des Busbahnhofs in Zaqatala. Wer mir dann genau das Telefon bringt, weiss er aber auch nicht. Nicht mal, ob es ein Mann oder eine Frau ist.

Die Operation Handy-Rettung beginnt am Samstag um 9 Uhr – mit einer Busfahrt in die völlig falsche Richtung. Um 10.50 Uhr kommen wir in Zaqatala an. Nachdem wir alle Taxifahrer abgewimmelt haben, bestellen wir uns gegenüber erst einmal Tee.

11.43 Uhr. Ich mache mich auf den Weg Richtung Kassenhäuschen. Noch keiner da, der aussieht, als suche er jemanden, dem er gerne dessen Handy aushändigen würde. Dafür einer, der mir unbedingt ein Bus-Ticket verkaufen will. Ich erkläre ihm in meinem „besten“ Russisch, dass ich auf anderer Mission bin. Er lädt mich zu einem Tee ein.

12.04 Uhr. Die Geschichte hat sich schnell rumgesprochen. Ich sitze bereits inmitten einer Traube hilfsbereiter Busfahrer, Ticketverkäufer und anderer Aserbaidschaner. Jeder will wissen, was genau geschehen ist, wieso ich hier warte und vor allem: auf wen. Wenn ich das wüsste...

12.18 Uhr. Mittlerweile hat mein Handy mehrere aserbaidschanische Telefonnummern auf der Liste der Anrufe in Abwesenheit. Aufgetaucht ist es aber immer noch nicht. Bis ein älterer Mann mit goldenen Zähnen die Bühne betritt und mir aufgeregt zuwinkt. „Telefon?“ Ich folge ihm und erinnere mich: Er ist der Fahrer, in dessen Bus ich mein Handy verloren habe. Und er ist es auch, der es mir wieder in die Hand drückt. Er nimmt mein kleines Geschenk mit einem Lachen an, mahnt mich aber wenig später mit ernster Miene daran, das nächste Mal besser aufzupassen.

Das nächste Mal, am Nachmittag im Bus nach Baku, hat mein Handy überstanden. Für alle weiteren Fahrten gebe ich mir Mühe. Versprochen. Wobei...

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