Dienstag, 06 Mai 2014 04:48 von 

Höhenangst. Oder auch Akrophobie. Haben wir nicht. Oder ich zumindest nicht. Wir leiden (oder zumindest ich leide), wenn es das Wort denn gäbe, unter Akromanie. Das ist der Zwang, immer und überall hoch zu müssen.

 

Fall 1: Kutaisi, die zweitgrösste Stadt Georgiens. Unterwegs in der Altstadt, wie meistens ziellos. Plötzlich: „Du, hast du das Gondelbähnli auch gesehen?“ Mitten aus einem Park führen einige Kabel über den Fluss hoch auf einen bewaldeten Hügel. Was dort oben ist? Keine Ahnung, aber egal. Nichts wie hin. Die Fahrt in der leicht in die Jahre gekommenen Gondel kostet je einen halben Lari (25 Rappen). Oben finden wir uns unverhofft in einem Vergnügungspark wieder. Leute hat es so gut wie keine, die Schalterhäuschen der Attraktionen sind entweder verwaist oder werden von schlafenden Mitarbeitern bewacht. Mit der Zeit merken wir, dass die Bahnen dennoch in Betrieb sind. Sobald einer an der Hauptkasse ein Ticket gelöst hat, werden die Maschinen angeworfen. Wir mieten uns also für einen Franken kurzerhand das ganze Riesenrad und geniessen für ein paar Minuten den Ausblick über Kutaisi.

Fall 2: Leicht haarsträubender. Wer etwas schwache Nerven hat, unter Höhenangst leidet oder eine Rostallergie hat, bitte gleich weiter zu Fall 3. Für alle anderen erst einmal eine kurze Vorgeschichte. Es ist ja nicht ganz einfach, nicht einmal im Internet, an Informationen über georgische Sehenswürdigkeiten zu gelangen, wenn man nicht ganz gezielt nach ihnen sucht. Und das ist oft nicht möglich, weil man ja gar nicht weiss, dass sie überhaupt existieren. Chiatura ist so ein Fall. Eigentlich wollten wir einen Ausflug zum Katskhi Pillar machen – jenem 40 Meter hohen freistehenden Kalkfelsen, auf dem zuoberst eine Kirche thront (nein, wird durften nicht hoch). Den Katskhi Pillar haben wir auch erst entdeckt, weil wir ein Bild von ihm in einer Broschüre gesehen haben. Der nächstgrössere Ort ist dann eben Chiatura. Und wenn man Chiatura googelt, liefert Wikipedia, allerdings nur in der englischen Fassung, den Hinweis, dass die Russen in den 1950-ern ein riesiges Seilbahn-System errichtet haben, damit die Arbeiter einfacher hoch zu den Manganerz-Minen gelangen. 17 dieser Seilbahnen sollen heute noch in Betrieb sein.

Für alle Rost- und Höhenallergiker wäre jetzt der letzte ideale Zeitpunkt, um bei Fall 3 weiterzulesen. Denn jetzt gehts hoch, über den Kvirila-Fluss, einen Wald und eine senkrechte Felswand, hinauf zu zwei grossen verlotterten, aber nicht verlassenen Wohnhäusern. Mit der ältesten Personenseilbahn der ehemaligen Sowjetunion, Tramway 25. „1952“, sagt einer der beiden Männer, die mit uns hochfahren. Genau so sieht die Gondel aus. Ihr rosafarbener Innenanstrich ist zwar noch zu erkennen, die letzten Jahrzehnte haben aber deutliche Spuren hinterlassen. Die andere Gondel, mit der wir wieder ins Städtchen zurückkehren, ist noch etwas abgefahrener. Der Metallboden erlaubt an einigen Stellen Sightseeing nach unten. Wir denken uns: Was 62 Jahre gehalten hat, wird auch uns noch überstehen. Und wir haben recht.

Fall 3: Der Zwischenfall. Auch in Tiflis hats Hügel, und auch hier müssen wir hoch zum Vergnügungspark. Ein grosses Stück zu Fuss, für den letzten Teil nehmen wir die Standseilbahn. Aufs Riesenrad schaffen wirs nicht, weil uns die unterschiedlichen Infos, wo wir denn nun unsere Vergnügungspark-Karte nun mit Geld laden können, zermürben. Wir laufen runter. Aber nicht, ohne noch einmal hochzusteigen – auf den höchsten Punkt der Narikala-Festung. Und dort passierts. Kurz vor dem Ende des Abstiegs über eine steile natürliche Felstreppe rutscht Michelle aus und fällt auf den Allerwertesten. Seit heute prangt dort ein blauer Knutschfleck.

Wer die Geschichte mit der kambodschanischen Bettkante und Michelles Schienbein kennt, weiss: Es könnte ein bleibender Eindruck sein.

 

P.S.

  • Georgien in Stichwörtern:

     

    Ararararararara (gesprochen Ärärärärärärärä): Meist gehörte Ansammlung von Lauten, heisst etwa soviel wie Neineineineinein.

    Sensationelles Essen: Immer, überall. Khachapuri ist Weltklasse.

    Alkohol: Dauergast, überall. Die Chefin des Guest Houses von Kutaisi sagte uns, ein georgischer Mann trinke pro Abend fünf Liter Wein. Wenn er gut beisammen sei, können es gut auch sieben Liter werden. Liter, nicht Gläser.

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