Montag, 28 April 2014 19:35 von 

Oh waterfall, oh beautiful, ohohohoh. Ja genau. Hätten wir gerne gesehen. Bis uns zwei georgische Militärheinis und ein Bär dazwischenfunkten.

 

Von Trabzon, der letzten Station in der Türkei, hatten wir ein Car-Ticket nach Batumi in Georgien. So sind wir mit unserem Gepäck früh morgens durch die Stadt gelaufen und entspannt in den Car eingestiegen. Die Landesgrenze passierten wir ohne Probleme. Dann standen wir auf einem grossen Platz im georgischen Nirgendwo. Und unser Car? Keine Ahnung, auch von den anderen Mitreisenden waren nur noch drei Frauen anwesend. Man hat uns dann gesagt, der Car sei zum Tanken gefahren. Warten wir mal ab. Ah er kommt. Ich winke - und er fährt weiter. Patrik kann durch einen kurzen Sprinteinsatz seine Jacke noch aus dem Fahrzeug holen, aber uns nach Batumi fahren wollen sie nicht. Dann steigen wir halt in den offiziellen Bus. Eine Frau hilft uns, das Ticket zu lösen. Man muss beim Fahrer bezahlen und dann das Ticket falten und ein oder zwei Stempel machen, je nach Strecke. Da wir die georgische Schrift (zum Beispiel საქართველოს მოწინავე) nicht lesen können, sind wir auf Hilfe angewiesen. Russisch können alle ein wenig und Patrik ja zum Glück auch. Da das Land sich von Russland abgrenzen will, ist oft auch etwas in Englisch angeschrieben – was die Georgier selber aber nicht verstehen.

Batumi, der aufstrebende georgische Badeort. Eine komische Stadt. Die Promenade mit neuzeitlichen Bauwerken und Hochhäusern. Eines zum Beispiel hat im oberen Drittel eine Art Uhr, mit Gondeln eingebaut. Fragt man in der Touristeninfo, ob und wie man hoch kann, lautet die Antwort: „No, it's just a building“. Gut, dann fragen wir nach den Fahrrädern, die man mieten kann: „They have a day off“. Schliesslich fahren wir mit einer österreichischen Gondelbahn auf einen Aussichtsberg und besuchen den botanischen Garten. Die Busfahrt können wir bereits ohne Probleme selber organisieren. Wenn man in Batumi die Promenade verlässt, stösst man schnell auf georgische Häuser. Schön, aber oft sehr verlottert.

Mit der Marschrutka, dem hier üblichen Transportmittel (kleine Lieferwagen mit etwa 12 Plätzen), fahren wir weiter nach Zugdidi, und nach einigen Tagen hoch in die Berge in die Region Svanetien. Die Fahrten mit der Marschrutka sind übrigens nichts für schwache Gemüter. Immer voll Tempo, ohne vom Gas zu gehen in die Kurven und wenn dann auf der Strasse doch eine Kuh nicht weg will, im letzten Moment abrupt bremsen. Ich gewöhne mich wohl nie daran.

Die ersten beiden Nächte verbringen wir in Mazeri bei einer Bergfamilie, bestehend aus den Söhnen Murman und Batscho und deren Mutter. Sie hat nicht mehr viele Zähne, immer die gleichen Kleider, ein braunes, fröhliches Gesicht und so einen nach vorne gebückten Gang. Solche Frauen gibt es hier viele. Wir werden herzlich empfangen und man hat uns gleich eine Riesentafel an Essen aufgestellt, alles selbst gemacht: Käse, Joghurt, frisches Brot, Khachapuri (rundes Fladenbrot, gefüllt mit einem sehr würzigen, zerlaufenen Käse), Suppe mit Fleisch, Torte. So ging das weiter, wir haben richtig gut gegessen. Einen Kochherd haben sie nicht, es wird alles auf dem Holzofen zubereitet. Auch keinen Abwaschtrog, das Wasser für den Abwasch muss draussen geholt werden.

Die Ortschaft besteht aus etwa 20 Häusern, 3 Steinwachtürmen aus dem Mittelalter, 200 Kühen, Schafen, Schweinen, einigen Menschen. Ach, und die Hunde darf man nicht vergessen und deren Bellkonzerte schon gar nicht. Ausser sein, wandern und essen kann man hier nicht viel machen. Auf unsere Wanderungen begleitet uns Hund Bobby. Wir nehmen am zweiten Morgen einen mehrstündigen Marsch zu einem nahe gelegenen Wasserfall in Angriff. Empfohlen von unseren Hausherren, oh waterfall, oh beautiful, ohohohoh. Nach einer halben Stunde sehen wir ein altes verlassenes Haus aus Sowjetzeiten. Daneben einen Militärmann mit Feldstecher. Er redet auf uns ein, wir verstehen nichts und er verlangt die Pässe. Mit Händen und Füssen können wir erklären, dass wir am Abend wieder zurück sind. Er lässt uns passieren. Es dauert nicht lange, und wir werden zurück gepfiffen. Wir sind anscheinend auf dem falschen Weg. Wir kehren um, und im Niemandsland, in den Bergen des Kaukasus, kommt ein Jeep mit einem zweiten Militärherrn. Sie bräuchten nochmals die Pässe. Nachdem sie Notizen gemacht haben, meinen sie, übrigens beide mit dem Gewehr auf dem Rücken, es habe hier Bären (dieses russische Wort ist Patrik bekannt). Wir wollen weiter, dürfen das aber nur in Begleitung eines der Herren. Toll. Nachdem wir den ersten Bärenfussabdruck gesehen haben und es zu regnen beginnt, brechen wir die Übung definitiv ab.

Am nächsten Morgen reisen wir weiter nach Mestia. Hier sind wir nun. Heute hat die Wanderung geklappt. Ohne Zwischenfälle haben wir einen Berg bestiegen und die Aussicht genossen. Gestern machten wir mit dem Jeep eine abenteuerliche Fahrt nach Ushguli. Den höchst gelegenen ganzjährig bewohnten Ort Europas, Unesco-Welterbe. Für die Leute hier ist es wichtig, zu Europa zu gehören. Wir freuen uns auf weitere spannende Tage in Georgien. Auch hier bellen draussen die Hunde. Zudem zieht ein Gewitter auf.

 

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