Samstag, 19 April 2014 21:36 von 

Ein türkisches Sprichwort besagt: "Du kommst als Fremder und gehst als Freund". Wie wahr.

Irfan zückt sein Portemonnaie, drückt seinem Angestellten 15 Lira in die Hand und schickt ihn zum Souvenirshop. Wenig später kommt der mit einer kleinen Schachtel zurück. „Schau“, sagt der Chef unseres Hotels in Kahta, „das ist ein Geschenk des Hauses, für deine Frau“. In der Schachtel befinden sich ein auf antik getrimmter Spiegel und ein Kamm. „Gibs ihr aber erst später.“ Der Rest der Gruppe, die am Nachmittag zusammen auf dem Nemrut Dağı war und nun nach dem Nachtessen gemütlich beisammen sitzt, muss ja nicht alles wissen. Es ist das fünfte Souvenir aus der Türkei – und das vierte, das wir geschenkt erhalten.

Die Gastfreundlichkeit hier in der Türkei ist, man kann es gar nicht anders sagen, legendär. Und sie führt eines Mittwochs so weit, dass wir das schlechte Gewissen fast nicht mehr loswerden. Zu dritt – Nadine aus Hamburg haben wir an der Busstation in Göreme kennengelernt, danach waren wir für einige Tage gemeinsam unterwegs – wollen wir an eben diesem Mittwochmorgen noch kurz ins Deyrulzafaran-Kloster. Es fährt ein Minibus direkt aus der Altstadt dorthin, hat man uns im Hotel versichert. Viel Zeit bleibt uns nicht, um 12 Uhr haben wir uns mit Markus und dessen Familie zu einem Tee verabredet. Er hat uns, die wir am Tag zuvor mit Vollbepackung durch Mardin geirrt sind, geholfen, das Hotel zu finden.

Wir stellen schnell einmal fest, dass unser Plan nicht funktioniert. Der Bus fährt keineswegs direkt bis zum Kloster. Ein Mann, geschätzt so um die 40, ist der Einzige, der ein klein wenig Englisch spricht. Er versucht uns zu erklären, dass wir ein Taxi nehmen sollen. Und er werde uns sagen, wann wir aussteigen müssten. Drei Minuten später steigen wir zu viert aus dem Bus und um in ein Taxi. Mehmet hat sich spontan dazu entschlossen, uns zu begleiten. Mehmet ist Kurde, in der Nähe von Mardin aufgewachsen, von Beruf Sportlehrer. Er informiert Emanuel, einen seiner Schüler, der im Kloster studiert, über unsere Ankunft. Er spendiert uns das Taxi, den Tee, den Eintritt, eine Runde Kaffee im Kloster und sorgt dafür, dass wir als Einzige aufs Dach des Klosters steigen dürfen. Wir sind erst einmal baff. Und hoffen, dass wir uns beim gemeinsamen Mittagessen, für das wir eigentlich gar keine Zeit haben, revanchieren können.

Können wir nicht. Wir haben keine Chance, irgendeine Rechnung zu begleichen. „Ihr seid Gäste hier“, sagt Mehmet, „ihr seid herzlich eingeladen“. Wir schaffens nicht einmal, den Bus, der uns wieder in die Altstadt hoch bringt, selbst zu bezahlen – Mehmet ist schneller und steckt dem Fahrer die paar Lira heimlich durchs Fenster zu. Vor dem Hotel warten bereits Markus, Anastasia und die beiden Kinder, zusammen verbringen wir einen gemütlichen Nachmittag bei Baklava und Çay.

Um 19 Uhr haben wir uns wieder mit Mehmet verabredet. Diesmal in der Abbara-Bar. Und nur noch zu zweit. Michelle muss ihre Erkältung im Bett auskurieren. Weil Mehmet aber noch einen guten Kollegen, „den besten Zahnarzt von Mardin“, eingeladen hat, wird die Rechnung nicht kleiner. Wir versuchen ein letztes Mal, ihm etwas zu spendieren. Aussichtslos. Wenigstens nimmt er die drei Päckchen Zigaretten, die wir ihm als Dankeschön gekauft haben, an. Wenn auch etwas widerwillig. Denn „ich habe ja gar nicht so viel Platz in meiner Jacke.“

Natürlich kann nicht jeder so selbstlos sein wie Mehmet. Freude machen auch die kleinen Dinge. Wie der fürsorgliche Einsatz des Deutsch-Türken Ertan, der gegen Mitternacht den halben Bus auf den Kopf stellen will, nur damit wir drei die lange Reise von Kayseri nach Kahta nebeneinander antreten können (was dann doch nicht klappt, weil türkische Männer nicht neben fremden Frauen sitzen dürfen; türkische Frauen übrigens auch nicht neben fremden Männern). Oder der Eselkurier, der uns sein Lasttier, ohne dass wir gefragt haben, für eine Foto-Session leiht. Oder Hothaifa, der Hotelangestellte, der uns das halbe Gepäck durch die engen Gassen von Mardin bis zum Taxi trägt. Oder der Postbeamte in Trabzon, der uns einen Tee spendiert, während wir warten müssen, bis er alle Formulare ausgefüllt hat. Oder, oder, oder.

 

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